Deutsche Schriftformen in der Genealogie

Vermutlich kenne Sie das auch: obwohl Sie sich schon durch unzählige Urkunden und Kirchenbücher gearbeitet haben, finden Sie einen wichtigen Eintrag und sind eifrig am entziffern. Doch Sie scheitern an der verworrenen Schrift oder den unzähligen Schreibschriftvarianten, die teilweise noch durch die persönliche Handschrift des Beamten oder Kirchendiener nicht gerade leserlicher werden!

Da hilft es dann nur noch, mühsam Lexika und Schreibalphabete als Grundlage zum Entziffern zu verwenden. Oder man versucht über die Ableitung des Kontextes oder ähnlicher Wörter im Text das Ganze zu enträtseln. Manchmal klappt dies ganz gut und führt auch nach längerer Übung recht schnell zum einfacheren Lese- und Interpretationserfolg.

Wenn dann alle Stricke reißen, gibt es dann noch die Möglichkeiten, andere Forscherkolleginnen und -kollegen zu bitten, ob sie einem nicht weiter helfen können. Vielfach kann man in Internet-Foren solche Anfragen zu Übersetzungen dieser Dokumente oder Textabschnitte finden, mit der freundlichen Bitte, diese doch vielleicht einem zu »übersetzen«.

Spannender ist natürlich das selber Lösen solcher verzwickten Texte, und kann durchaus auch ein regelrechter Ansporn für die Weiterforschung seiner Familiengeschichte sein – und gottseidank ist wirklich noch kein Meister vom Himmel gefallen!

Nachfolgend finden Sie eine Auflistung der wohl wichtigsten Schriftformen, die man im deutschsprachigen Raum antreffen kann (Deutsche Schriften). Die Einteilung erfolgt dabei nach ihrer chronologischen Verwendung von der Gegenwart zurück in die Vergangenheit.

Vereinfachte lateinische Ausgangsschrift

Alphabet »Verein...

Da es vielfach noch Schwierigkeiten bei der Anwendung der Lateinischen Ausgangsschrift auftraten, entwickelte man 1969 die Vereinfachte Ausgangsschrift. Diese ist seit 1972 in Erprobung und wird heute vielfach an den Schulen gelehrt.

Als Besonderheit weist die Vereinfachte Ausgangsschrift folgende Punkte auf:

  • fast alle Kleinbuchstaben beginnen und enden am oberen Mittelband (=Haltepunkte)
  • Großbuchstaben unterscheiden sich von denen der lateinischen Ausgangsschrift
    --> sie leiten sich vielmehr von Druckbuchstaben ab
  • die flüssige und einheitliche Verbindung der Buchstaben erfolgt mit dem sogenannten »Aufstrich«, der aber zusammengefügt nur noch am letzten Buchstabe markant auftritt

Lateinische Ausgangsschrift

Ausgehend von der deutschen Normalschrift wurde die lateinische Ausgangschrift entwickelt, die dann im Jahr 1953 (in Bayern erst 1966) durch den Erlass der Kultusministerkonferenz in den Bundesländern der damaligen »Bundesrepublik Deutschland« (BRD) als Ausgangsschrift für das Schulwesen eingeführt wurde.

Parallel entwickelte die damalige »Deutsche Demokratische Republik« (DDR) die sogenannte Schulausgangsschrift, die 1968 eingeführt worden ist.

Alphabet »Ausgan...
Alphabet »Ausgan...
Alphabet »Schula...

Sütterlinschrift

Alphabet »Sütter...

Die Sütterlinschrift – wird auch des öfteren als Sütterlin abgekürzt – ist ebenfalls eine Ausgangsschrift, welche sich von der deutschen Kurrentschrift ableitet. Sie wurde im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums von Ludwig Sütterlin im Jahre 1911 entwickelt.

Sütterlin vereinfachte die bis dato verwendete deutsche Kurrentschrift, um damit den Kinder das Schreiben lernen zu erleichtern. Insbesondere die Ober- und Unterlängen wurden gekürzt, die Schreibweise der Buchstaben vereinfacht und diese aufrechter gestellt. Er entwicklte die Ausgangschrift also weg von einer typischen Schreibschrift, die eher mit einer kursiven Schreibrichtung daherkommt.

Zum Einsatz kam sie 1915 in Preußen, wo sie als erstes eingeführt wurde, und löste dann in den 1920er Jahren die deutsche Kurrentschrift ab. Als Ausgangsschrift wurde sie bis 1942 verwendet, bis dann das generelle Verbot der Deutschen Schrift sich durchsetzte.

Immer wieder wird jegliche Formen der deutsche Kurrentschriften fälschlicherweise als Sütterlinschrift bezeichnen. Es liegt aber wohl leider daran, dass die Sütterlinschrift die bekannteste deutsche Kurrentschrift sein dürfte und ihr Namen sich entsprechend eingeprägt hat. Jedoch gab es die Kurrentschriften schon lange vor der Sütterlinschrift!

Deutsche Kurrentschrift

--> Kurrentschrift = Schreibschrift oder Laufschrift, die Paläografie spricht hierbei von »Kursiva«

Alphabet »Kurren...

Sie war im 18. und 19. Jahrhundert stark verbreitet und war im deutschen Sprachraum wohl die geläufigste Verkehrs-, Amts- und Protokollschrift. Fälschlicherweise wird sie auch immer wieder gerne mit der Sütterlinschrift gleichgestellt, die jedoch nur eine Ableitung von der deutschen Kurrentschrift ist.

Die Kurrentschriften hebt sich  mit ihren spitzen Winkel (Spitzschrift) von der runden, lateinischen Schrift ab und sind handgeschriebene Schriftformen, die dazu neigen, einzelne Buchstaben zu verbinden. Insbesondere sollen sie die Schnelligkeit beim Schreiben erhöhen, was aber oft zu Lasten der Schönheit bzw. Genauigkeit der Buchstaben geht. Oft kommt es dabei zu einer »Verschlaufung« der Ober- und Unterlängen, die damit die Lesbarkeit wieder erhöhen sollen.

Für die Genealogie als problematisch erweist sich hierbei die große Vielfalt an einzelnen, individuellen Handschriften, die das Lesen und Entziffern stellenweise doch stark behindern können.

Gebrochene Schrift

Sie entstanden Mitte des 12. Jahrhundert und kamen mit dem gotischen Kunststil in Europa auf. Hier veränderten sich die bisherigen romanischen Rundbögen zu gebrochenen gotischen Spitzbögen, wobei dieser Bogenbruch sich auch im Schriftsatz widerspiegelt – die Bögen der Buchstaben wurden jetzt ebenfalls »gebrochen«, d. h., in die Bögen der Buchstaben wurde durch abrupte Richtungswechsel in der Strichführung ein sichtbarer Knick in dem Bogen eingefügt.

Entwickelt haben sie sich aus der runden karolingischen Minuskel, so dass die erste gebrochene Schriftart auch die »Gotische Minuskel« genannt wurde. Als bekannteste Form von Gebrochenen Schriften gelten die Fraktur und die Schwabacher. Es gibt aber durchaus weitere Varianten wie z. B. die Rotunda oder Textura.

Alphabet »Fraktu...
Alphabet »Schwab...

Deutsche Schrift

Eine »Deutsche Schrift« gab es nicht. Vielmehr ist dies ein Sammelbegiff für einige gebrochene Schriften, die gerne verwendet und gedruckt wurden. Aber der Begriff wurde auch gerne bei den deutsche Kurrentschriften verwendet!