Eigentlich hatte ich für den Artikel noch andere Themen auf dem Tisch. Aber ein aktueller Geschichts-Podcast [1] hat mich jedoch zu diesem Thema gebracht, da mich der Podcast sehr bewegt hat. Insbesondere, da es sich um die Themen Machtübernahme der Nazis vor 1933 und einer Demokratie im Krisenmodus, in der sich Gewalt normalisiert, politische und wirtschaftliche Krisen den Alltag prägen sowie radikale Antworten immer attraktiver werden. Und in einer der Folge auch um deren nachträgliche Auswirkungen. Mit diesen Auswirkungen hatte ich auch im Zusammenhang mit meiner Ururgroßmutter väterlicherseits, Viktoria Rieger, bereits zu tun. Im letzten Teil des Podcasts Vor 33 [2] geht es genau darum und die unbeschreibliche Ähnlichkeit zur Geschichte meiner Vorfahrin ist erschreckend. Das war für mich quasi wie ein Flashback und das bisher irgendwie Verdrängte und unbekannte Welten kommen wieder ans Licht.
Im Zuge der Veröffentlichung der NSDAP-Mitgliederkartei in verschiedenen Zeitschriften und auf verschiedenen Portalen habe ich mittlerweile leichteren Zugang zu den Akten und kann nach Vorfahren suchen, um herauszufinden, ob diese gelistet sind. Den einen oder anderen habe ich auch gefunden. Allerdings muss ich alles mehrfach nachfragen, da die zur Verfügung gestellten Daten einige Transkriptionsfehler enthalten. So beschäftige ich mich mal wieder etwas tiefer mit der Vergangenheit der Generation meiner Großeltern. Einer meiner Opas war nachweislich bei der Waffen-SS. Ich bin auf der Suche nach Hinweisen oder Informationen, die das belegen. Denn scheinbar wurde im Nachhinein viel getan, um das Ganze so weit wie möglich zu verheimlichen. Leider gibt es dennoch genügend Hinweise, die darauf hindeuten, dass es nicht so war, wie man es mir damals erzählt hat bzw. wie ich es aus den Erzählungen in Erinnerung habe. Einer der Gründe, warum mich das Thema betrifft, ist also, dass es in meiner Familiengeschichte Mitläufer des Nazi-Regimes gab. Ob sie aktiv waren oder nicht, sei mal dahingestellt.
In fünf Folgen beschäftigt sich der Podcast mit verschiedenen Personen und begleitet sie auf ihrem Lebensweg von den Jahren vor 1933 bis kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Beginn des Dritten Reichs. Dabei erhält man detaillierte Einblicke in die Gedankenwelt der Menschen von damals und erfährt, warum sie den Machtwechsel unterstützten, obwohl ihnen bereits damals klar sein musste, dass sie zu den Leidtragenden gehören würden. Zudem wird deutlich, wie schnell eine Gesellschaft kippen kann.
Ich beschäftige mich gerade ohnehin sehr intensiv mit der Geschichte des Dritten Reichs, da sich aktuell viele Parallelen zu damals zeigen. Das Erstarken der rechtsgerichteten Parteien, deren parteipolitisches Programm und ihr Auftreten in der Öffentlichkeit spiegeln vielfach die Zeit vor rund 90 Jahren wider. In der Hoffnung, dass dieser Kelch an uns vorbeigeht, öffnet der Podcast vielleicht dem einen oder anderen die Augen. Ich bezweifle es zwar aktuell noch, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Hoffentlich haben viele aus der Geschichte gelernt. Denn rückblickend wissen wir heute, wie das Ganze ausgegangen ist, und können nicht mehr sagen:
»Wir wussten ja von nichts!«
Auf der anderen Seite stehen die Opfer des Nazi-Regimes. Dazu zählt auch meine Ururgroßmutter Viktoria Rieger. Als Jenische wurde sie als psychisch krank eingestuft und in eine Irrenanstalt eingewiesen. Ich weiß aktuell nicht, aus welchem Grund sie tatsächlich eingewiesen wurde. Offenbar hatte sie keinen Ausweis vorzuweisen und ihre Lebensumstände entsprachen nicht dem Wunsch der Nazis nach einer »wahren Deutschen«. Vielleicht war auch bekannt, dass sie dem Jenischen Volk angehörte. Wenn Letzteres bekannt war, dann stand sie automatisch auf der gleichen Stufe wie Sinti und Roma sowie die Juden.
Im letzten Teil des Podcasts wird eine sehr ähnliche Geschichte erzählt. Dabei kam die Protagonistin im Zuge der »Aktion T4« [4] wirklich ins KZ und wurde euthanisiert. Die Parallelen waren so erschreckend, dass ich kurz innehalten musste. Meine Vorfahrin hatte das Glück, nicht ins Lager zu kommen und ermordet zu werden. Ob ihr Leben dadurch besser war, ist jedoch zu bezweifeln. Vermutlich war ihr fortgeschrittenes Alter zu diesem Zeitpunkt ihr größtes Glück. Was mit ihr in der Anstalt wirklich alles gemacht wurde, ist bis heute nicht bekannt – und ich fürchte mich auch ein wenig davor, diese Tür weiter aufzumachen. Aber vermutlich bin ich es ihr doch irgendwann schuldig.
Ich kann den Podcast also nur empfehlen. Er darf ruhig auch zum Nachdenken anregen. Gerade in diesen schwierigen politischen Zeiten ist er besonders wichtig – als Warnung, als Erinnerung und als Gedenken an Geschehenes!
In einem anderen Blog-Artikel wird darauf hingewiesen, dass Personen ins Lager kamen, aber dann doch nicht ermordet wurden, sondern wieder zurückgestellt wurden. Dadurch haben einige die Euthanasie überlebt. Ob das auch für meine Ururgroßmutter galt, weiß ich aktuell allerdings nicht!
Weitere Informationen über meine Ururgroßmutter finden sich auch in dem Blogbeitrag »Auf Spurensuchen bei den Legenden (Teil 4)«.
P. S.: Wer die Serie »Babylon Berlin« noch nicht kennt, dem sei sie ebenfalls empfohlen. Neben der eigentlichen Geschichte gibt es zusätzlich Einblicke in die gleiche Zeit wie im Podcast. Nicht nur zum Anhören, sondern auch zum Anschauen! [5]
P. S. 2: Ebenfalls schön schrecklich ist die Gegenüberstellung der Geschichte der NSDAP und der heutigen AfD in Form eines historischen Zeitstrahls [6]. Da könnte man fast meinen, die Geschichte wiederhole sich. Hoffentlich ist die antifaschistische Seite stärker und kann das rechte Gedankengut in seine Schranken weisen.
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Quellen:
[1] ARD, Alles Geschichte - Der History Podcast, https://podcastaddict.com/podcast/alles-geschichte-der-history-podcast/3147490 via @PodcastAddict
[2] WDR, Vor 33, Pressebericht, https://presse.wdr.de/plounge/wdr/programm/2026/07/20260731_vor_33.html
[3] WDR, VOR 33 (5/5) - Die Aktion T4, https://podcastaddict.com/alles-geschichte-der-history-podcast/episode/229422980 via @PodcastAddict
[4] Wikipedia (DE), Aktion T4, https://de.wikipedia.org/wiki/T4
[5] ARD/Tom Tykwer/Hendrik Handloegten/Achim von Borries, Babylon Berlin, https://www.ardmediathek.de/serie/babylon-berlin-oder-alle-vier-staffeln/staffel-1/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2JhYnlsb24tYmVybGlu/1 , mit Volker Bruch, Liv Lisa Fries, Peter Kurth, Matthias Brandt, Leonie Benesch, Lars Eidinger, Misel Maticevic, Fritzi Haberlandt, Christian Friedel u.a.; Buch: Tom Tykwer, Hendrik Handloegten und Achim von Borries; Regie: Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten
[6] Michael Kreil, Der Aufstieg der NSDAP/AFD, CC BY 4.0 datajournal.org, https://datajournal.org/schon-wieder/